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Glückverheissendes Feuer

Erlebnisbericht vom 29. Mai 2018 im Krishna-Tempel Zürich

„Wenn hier in der Schweiz ein Kind geboren wird, hat es im Moment nach seiner Geburt eine Krankenversicherung, eine AHV-Karte, vielleicht sogar eine Lebensversicherung“, sagt Mandali Bhadra und lacht. „Das, was wir hier im Ritual machen, das ist für die Seele.“ Mandali Bhadra ist Priester der Hare-Krishna-Tradition und leitet die vedische Feuerzeremonie, der wir im Krishna-Tempel an der Zürcher Bergstrasse beiwohnen. Zusammen mit Krishna Premarupa Dasa, dem Präsidenten und ebenfalls Priester des Tempels, wird er ein Feuer entzünden, Mantras singen – und das für einen glückverheissenden Anfang eines neuen Lebens.

Der Tempelraum ist mit 42 Gästen heute Abend gut gefüllt, auf Stühlen und Kissen sitzen wir rund um eine Mitte, die auch Ritualplatz sein wird: Eine eckige, leicht erhöhte Schale, etwa 40 mal 40 Zentimeter, darin Rosenblätter. Verschiedene frische Früchte, viele kleine Schalen mit Reiskörnern, zwei grössere Schalen mit Butterfett und je einem hölzernen Schöpflöffel, eine Glocke und einige schöne, kunstvoll geformte Metallgegenstände, die, klein und geheimnisvoll, für Räucherstäbchen verwendet werden oder vielleicht auch der Zierde dienen.

Krishna Premarupa führt uns fachkundig und kurzweilig in Grundvorstellungen des Hinduismus und in die „Samskaras“ ein. So heissen die Übergangsrituale auf Sanskrit. Die Teilnahme an Ritualen hinterlässt eine mentale Prägung und soll den Menschen „perfekt machen, zusammenfügen, vorbereiten“. Wir hören, dass es 16 verschiedene Samskaras gibt. Drei davon haben am Lebensanfang eine besondere Bedeutung: die Namensgebung (Nāmakaraṇa), die Aufnahme der ersten festen Speise (Annaprāśana) und die Haarschneidezeremonie (Cūḍākaraṇa). Bei allen dieser 16 Samskaras und so auch am Lebensanfang hat die Feuerzeremonie, wie wir sie heute erleben, eine besondere Bedeutung. Feuer transformiere alles, reinige die Aura des Kindes und „gehe hoch“, weise also in Richtung Gottes und des Himmels. Aber was heisst denn überhaupt Lebensanfang? „Eigentlich geht es um den Anfang eines Körpers, um den Zeitpunkt, in dem die Seele in einen neuen Körper geht“, erklärt Krishna Premarupa Dasa und ruft uns die Lehre von der Wiedergeburt in Erinnerung. „Die Seele ist ewig“, sagt der Priester. In den hinduistischen Traditionen und so auch im Krishna-Bewusstsein ist das Leben ein Zyklus, hat also eigentlich weder Anfang noch Ende. Dennoch, auf eine Frage aus dem Publikum, wann denn das Leben beginne, sagt Premarupa: „Mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle.“



Der Abend ist eine wunderbare Mischung aus Erklärung und Fragen, sowie aus Erlebnis und Erfahrung. Auch während der Zeremonie wechseln die beiden Priester spielend hin und her. Als sich Mandali Bhadra dann auf den Boden vor die Mitte setzt und das Ritual beginnt, hören wir ihn leise Mantras murmeln. Automatisch rücken alle näher. Mit einem dürren Ast wird das Feuer in der Schale entzündet, es brennt auf getrocknetem Kuhdung, der praktisch in runde Scheiben gepresst wurde. „So raucht es weniger“, hören wir die Begründung. Alle, die sich beteiligen wollen, erhalten eine Schale mit Reiskörnern. Während die Mantras gesungen werden, lernen wir, immer beim Wort „Swaha“ einige der Körner ins Feuer zu werfen. Die beiden Priester füttern das kleine Feuer immer wieder mit einem Schöpflöffel Butterfett. Als das Feuer brennt, alle singen, die Reiskörner von näher und ferner in etwa in Richtung Mitte fliegen, die Priester Butterfett schöpfen und zwischendurch mit der Glocke geläutet wird, da ist Leben im Raum und das Ritual voll im Gange. „Da das Ritual an sich recht kompliziert ist, gibt es eine Zeremonie, in der wir Gott bitten, uns zu verzeihen, wenn wir etwas falsch gemacht haben“, sagt Bhadra und murmelt bereits wieder, begleitet von einigen Handbewegungen.

Gott? Krishna ist es, der hier verehrt wird, er ist der höchste und eine Gott in der Hare-Krishna-Tradition. „Am Ende zählt vor Gott nur, was wir in Liebe und Hingabe tun“, ergänzt Krishna Premarupa Dasa. Ich finde, Liebe und Hingabe waren erlebbar an diesem Abend. Nicht zuletzt beim Apéro mit indischen Köstlichkeiten, zu dem alle im Anschluss an die Feuerzeremonie eingeladen sind. Ob sich die Familie Julius Bär jemals hätte vorstellen können, was aus ihrer feudalen Villa einst werden würde, wenn erst einmal eine Krishna-Gemeinschaft darin einzieht? Seit 1980 besteht im Haus an der Bergstrasse 54 der erste Tempel des Vereins Krishna Gemeinschaft Schweiz, der wiederum zur ISKCON gehört, zur Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein. „Hare Krishna ist eine Reformbewegung innerhalb des Hinduismus, die etwa zur selben Zeit entstand, wie bei uns die Reformation – also etwa vor 500 Jahren“, erklärt Krishna Premarupa. Ein höchster Gott wird in dieser Tradition verehrt, Krishna, der sich in unterschiedlichen Formen zeigt und in diesen verehrt wird.

 

Veronika Jehle, Delegierte der römisch-katholischen Kirche des Kantons Zürich im Zürcher Forum der Religionen.