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Hochzeitsbräuche im Judentum

Erlebnisbericht zur Veranstaltung «Gemeinsam unter dem Baldachin» aus der Reihe «Hochzeiten» in der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich, 1. September 2020

Referentin: Mirjam Treuhaft, Religionspädagogin, Expertin für Ehevorbereitung für Frauen und Bat-Mitzwa-Vorbereitung für jüdische Mädchen

Im grossen Veranstaltungssaal der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich wurden die Anwesenden von der Geschäftsstelle des Forums zur ausgebuchten Veranstaltung begrüsst. Die Referentin Mirjam Treuhaft nahm das Publikum mit auf einen interessanten und unterhaltsamen Streifzug durch die Welt der traditionellen jüdischen Familie, des jüdischen Eheverständnisses und der jüdischen Hochzeit.

«Liebe ist ein Entscheid!» Das jüdische Eheverständnis

Gleich zu Beginn betonte Treuhaft die Wichtigkeit der Familie im Judentum. Traditionellerweise werden die Kinder von den Eltern «verheiratet». Die Eheleute lernen sich durch Vermittlung oder aber auch selbst kennen. Treuhaft weist daraufhin, dass Zwangsehen gegen die Halacha verstossen. Das gemeinsame Ziel eines Paars ist, ein jüdisches Haus, einen jüdischen Haushalt aufzubauen. Darin sollen sich Mann und Frau unterstützen und sich so begleiten, dass sie sich für nichts entschuldigen müssen. Dieses gemeinsame Ziel bringt das Paar zusammen und lässt die gegenseitige Liebe wachsen. «Kommunikation in der Ehe ist äusserst wichtig», hebt Treuhaft hervor, «Streit ist normal, aber dieser soll gelöst werden.» Die Kommunikation ist auch für die Sexualität in einer jüdischen Ehe von Bedeutung. Denn Sexualität wird mit dem Besuch des Priesters im Tempel verglichen: eine quasi spirituelle Erfahrung.

Die «Chuppa», der Hochzeitsbaldachin

Hochzeiten haben einen so hohen Stellenwert, dass sie nur im äussersten Notfall verschoben werden. Der Hochzeitstag ist fast wie ein kleiner Jom Kippur – ein Versöhnungs- und Freudentag. Zu Beginn sitzen Braut und Bräutigam in zwei getrennten Räumen. Der Rabbiner, Zeugen und enge männliche Verwandte besprechen mit dem Bräutigam den Ehevertrag, damit er weiss, was seine Rechte und Pflichten gegenüber seiner Frau sind – auch im Fall einer Scheidung. Die Braut wird festlich geschminkt sowie angekleidet und wartet mit den Frauen in einem anderen Raum.

Dann führt der Rabbiner den Bräutigam zur Braut. Diese wird vom Bräutigam angeschaut und anschliessend wird ihr Gesicht verschleiert. Diese Tradition wird mit der Geschichte von Jakob erklärt, welcher zuerst die «falsche» Tochter von seinem Schwiegervater Laban geheiratet hat (Gen 29).

In der Synagoge wartet der Bräutigam anschliessend unter der Chuppa, dem Trauhimmel oder Traubaldachin, mit den anderen Männern auf die Braut und betet dabei ununterbrochen.

Die «verschleierte» Braut wird unter Gesang und Musik in die Synagoge geführt und geht mit der Mutter oder anderen ihr nahestehenden Frauen sieben Mal um den Bräutigam. Dieser Kreis symbolisiert eine unsichtbare Grenze für den Mann. Die Braut ist die Grenze für ihren Mann.

Eine Hochzeitszeremonie kann auch draussen stattfinden. Der Trauhimmel ist jedoch unerlässlich für das Hochzeitsritual. Die vier Stangen mit einem Tuch symbolisieren das jüdische Haus.

Nachdem die Braut sieben Runden um den Bräutigam gemacht hat, spricht der Rabbiner Segenssprüche und das Brautpaar trinkt aus einem gemeinsamen Becher Wein. Der Wein ist Symbol dafür, dass das Leben im Alter immer besser wird. Die Braut erhält anschliessend vom Bräutigam einen Ring. Zum Schluss der Trauzeremonie zertritt der Bräutigam ein Glas als Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Manchmal hat der Bräutigam auch etwas Asche unter der Kippa, zum Zeichen der Trauer über den zerstörten Tempel.

Die Aufgabe der Gemeinde ist es, während der ganzen Zeremonie für das Brautpaar für persönliche Anliegen und andere Menschen zu beten. Der Baldachin ist auch Zeichen, dass der Himmel in diesem Moment offen ist. Ist das Glas zertreten, rufen sich die Anwesenden «Masel Tov!» zu, was frei übersetzt «Viel Glück!» bedeutet. Die Musik beginnt zu spielen, Braut und Bräutigam verlassen die Synagoge.

Am Ort des Festes ist das Brautpaar zum ersten Mal in einem Raum allein. Kommen sie raus, beginnt das Fest für alle. Ein Teil des Raumes ist für Männer, ein Teil ist für Frauen vorgesehen. Das Fest wird meist ausgelassen und stimmungsvoll gefeiert «– auch ohne Alkohol!» fügte Treuhaft schmunzelnd hinzu.

Mit einigen persönlichen Erlebnissen aus ihrem Familienleben beendete Miriam Treuhaft ihr Referat. Die Religionspädagogin ist eine humorvolle, äusserst engagierte Referentin, die jüdische Traditionen und Religion auf eine informative und zugleich mitreissende Art vermittelt. Ihre Referate sind sehr empfehlenswert.

Dinah Hess, Delegierte des Zentrums für Migrationskirchen der reformierten Kirche des Kantons Zürich.