Sie sind hier: Startseite Veranstaltungen Klangfenster Judentum

Klangfenster Judentum

Zwischentöne. Die jüdische Liturgie in ihrer Vielfalt: Singen, Rezitieren und Kantilieren. Ein Erlebnisbericht

foto.klangfenster.jlg2

Wir treffen uns in der jüdischen liberalen Gemeinde "Or Chadasch". Ich habe gehört, dass in dieser Gemeinde einmal der Rabbiner Tovia Ben Chorin, der Sohn des berühmten jüdischen Gelehrten und Wegbereiters des jüdisch-christlichen Dialogs, Schalom Ben Chorin, gearbeitet hat. Hier hat es also Wurzeln des interreligiösen Dialogs. Als katholische Theologin bin ich gespannt, ob es in dieser Richtung weitergeht.

foto.klangfenster.jlg3

Die Synagoge macht einen freundlichen Eindruck. Der Anlass ist gut besucht. Die Frage der Veranstaltungsreihe „Klangfenster“ des Zürcher Forums der Religionen lautet: "Wie bespielen die fünf Weltreligionen den Hörsinn?"

Der Rabbiner Reuven Bar-Ephraïm betont, dass es "das" Judentum nicht gibt. Ich muss an meine Kirche denken, in der auch jeder Theologe seine eigene Meinung hat. Die jüdisch-liberale Gemeinde gehört zum aschkenasischen Judentum. Der jüdische Gottesdienstgesang ist relativ jung, das älteste Stück ist aus dem 14. Jh. Eine Ausnahme ist das Stück „Kol Nidre“, das am Vorabend von Yom Kippur, dem Versöhnungstag, gesungen wird. Es stammt aus der Tempelzeit. Einige sagen sogar, es sei zusammen mit den 10 Geboten auf dem Sinai von Gott an Mose übergeben worden.  Die Melodie ist einfach, was auf einen frühen Ursprung hinweist.

Die Besucher singen gut mit und sind vom Witz und Charme des Rabbiners beeindruckt. Zusammen singen wir zum Schluss die ersten fünf Sätze aus der Bibel. Natürlich auf Hebräisch. Ich erinnere mich an mein Theologiestudium, in dem mich das Lernen des Bibelhebräisch faszinierte.

Der Rabbiner erklärt uns, dass die Thora, also die ersten 5 Bücher Mose, im Gottesdienst immer gesungen und nie gelesen werden. Wichtig ist, dass die richtigen Worte gesungen werden. Die Thora muss als Wort Gottes unbedingt richtig ausgesprochen werden. Bei Fehlern muss die ganze Gemeinde die richtige Version nochmals singen. Zwei Männer stehen in jedem Gottesdienst neben dem Kantor und achten darauf, dass die Aussprache stimmt, da schon ein Fehler in der Aussprache ein anderes Wort bedeuten kann. Dieser Ernst im Umgang mit dem göttlichen Wort spricht mich existenziell an. Ich spüre, dass hier eine tiefe Wahrheit liegt. Auch mir ist es ein wichtiges Anliegen, in der Religion mit der Sprache sorgfältig umzugehen.

Ich verlasse den Abend mit dem Vorsatz, meine Hebräischkenntnisse wieder aufzufrischen. Die Thora und die anderen Bücher des Ersten Testaments, welche wir Christen mit den Juden teilen, sind auch für mich das Fundament, aus dem ich als Theologin schöpfe.

Rahel Walker Fröhlich, katholische Theologin

foto.klangfenster.jlg1