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Religiöse Mündigkeit

Erlebnisbericht zur Veranstaltung "Religiöse Mündigkeit. Bar Mizwa und Bat Mizwa" aus der Reihe "Übergangsriten" in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich am 28. Mai 2019

Ist ein Junge dreizehn Jahre alt und ein Mädchen zwölf, geschieht im Judentum ein wichtiger Übergang: der junge Mensch übernimmt die Pflicht, die Gebote der Tora einzuhalten; er oder sie gilt als Erwachsener vor der Gemeinde. «Bar Mizwa» oder «Bat Mizwa» heisst dieses Ritual zum Übergang, hebräisch-aramäische Worte, die übersetzt «Sohn des Gebotes» oder «Tochter des Gebotes» heissen. Ein Abend zu diesem Ritual eröffnete die Reihe «Übergangsriten» im Veranstaltungszyklus «Lebensstationen» des Zürcher Forums der Religionen. Rund 50 Besucherinnen und Besucher waren am Dienstag, 28. Mai 2019 in die Israelitische Cultusgemeinde ICZ gekommen. In den Räumlichkeiten der grössten jüdischen Gemeinde der Schweiz führten Ruth Gellis und Michel Bollag fachkundig und humorvoll in die Traditionen des Erwachsenwerdens im Judentum ein – und bewirteten die Gäste anschliessend mit einem reichhaltigen, koscheren Buffet.

Mit seiner «Bar Mizwa» verpflichtet sich ein Jude und mit ihrer «Bat Mizwa» eine Jüdin, 613 Gebote und Verbote einzuhalten. Von diesen 613 kommt jedoch ein grosser Teil nur in spezifischen Lebenssituationen zur Anwendung oder ist mit dem Tempeldienst verbunden. Dadurch sind diese für die meisten jüdischen Personen hinfällig. Zu den für alle gültigen, zentralen Geboten gehört, dreimal täglich zu beten, koscher zu essen und davor ein Tischgebet zu sprechen, ebenso, wie den Shabbat und die Feiertage einzuhalten. Mit dem Fest der Bar oder Bat Mizwa, das am ersten Shabbat nach dem 13. bzw. nach dem 12. Geburtstag gefeiert wird, übernimmt der junge Mensch selbst die Verantwortung für seine Taten vor Gott. Abgeben kann diese Verantwortung dafür der Vater der Familie, der dazu ein eigenes Gebet spricht. Im Unterschied zur reformierten Konfirmation und zur katholischen Firmung sind Bar und Bat Mizwa keine Bestätigung der eigenen Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen; denn Jude und Jüdin ist ein Mensch einzig durch die Abstammung von einer jüdischen Mutter. Je nach Gemeinde und je nachdem, wie orthodox Familien ihren Glauben praktizieren, unterscheiden sich Vorbereitung und Gestaltung der Bar und Bat Mitzwa. Kern des Rituals ist, dass der junge Mensch selbst einen entsprechenden Abschnitt aus der Tora sowie ein Segensgebet singt, auf hebräisch und in der Synagoge vor der versammelten Gemeinde – wie ein Ausschnitt aus einem Film der Reihe «Willi wills wissen» lebensnah zeigte. Ab dem Fest können Juden und, je nach Denomination, auch Jüdinnen «zur Tora aufgerufen werden», was bedeutet, dass sie im Gottesdienst zum Vortragen der heiligen Texte an die Reihe kommen können. Die «Bat Mizwa», das Übergangsritual für Mädchen, ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts schriftlich überliefert, wurde ursprünglich aber nicht in der Synagoge gefeiert. Es war die 13-jährige Judith Kaplan Eisenstein, Tochter eines angesehenen amerikanischen Rabbiners, die am 18. März 1922 als erstes Mädchen in einer Synagoge eine «Bat Mizwa» feierte. Bar und Bat Mizwa werden heute gleichermassen in der Synagoge und als Familienfest begangen. In Zürich sind aktuell etwa 70 Prozent der Jüdinnen und Juden säkular, etwa 20 Prozent modern orthodox, sowie rund 10 Prozent ultraorthodox und als solche an ihrer Erscheinung erkennbar. Auch im Judentum ist es in säkularen Familien nicht selbstverständlich, den bewussten Übergang ins Leben eines Erwachsenen im Rahmen einer Bar oder Bat Mizwa zu feiern.

Veronika Jehle, Delegierte der römisch-katholischen Kirche des Kantons Zürich