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Die Kunst des Turban-Bindens

Erlebnisbericht zur Veranstaltung "Ein Zeichen der Zugehörigkeit. Der erste Turban" aus der Reihe "Übergangsriten" in der Helferei Zürich am 3. Juli 2019

„Das wird knapp, beeile dich, du willst doch nicht zu spät kommen!“, sagte ich zu mir, während ich durch die Gassen des Niederdorfs eilte. Gerade noch einmal geschafft! Ich betrat den Saal des Kulturhauses `Helferei` pünktlich wie eine Schweizer Uhr. Schnell bemerkte ich, dass ich den Schweizer in mir ablegen darf. Es dauerte einige Minuten, bis der Abend mit Begrüssungsworten eröffnet wurde. Der Anlass war mit rund fünfzig Gästen sowie etwa zwanzig Sikh-Gläubigen sehr gut besucht. Vieles erinnerte mich an diesem Abend an Indien, nicht nur die flexible Zeit, die bunten Turbane, die entspannte Atmosphäre und die warmen Temperaturen im Raum, sondern auch die Musik, mit welcher die Veranstaltung begann.

Ein gefühlvoller Gesang, welcher durch meditative Harmonium-Klänge und kraftvolle Tabla-Beats unterstützt wurde, erfüllte den Raum und entführte uns in die Welt des Bhajans, der Lobpreisung des Herrn. Mein Hindi reichte leider nicht aus, die Bedeutung des Lieds zu verstehen, doch die Übersetzung, welche uns gegeben wurde, verriet die Tiefsinnigkeit des Textes: „Der Eine Gott ist in allem, und alles ist sein Werk. Nur wer seinen Willen erkennt, kann ihn erkennen und Diener Gottes sein."

Einführung in die Sikh Religion

Gurdeep Singh Kundan, Vertreter der Sikh-Gemeinden in der Schweiz, gab uns im Anschluss eine sehr anschauliche und interessante Einführung in den Sikh-Glauben. Der Gründer der Gemeinschaft, Guru Nanak, geboren im Jahr 1469, betrachtete sich weder als Hindu noch als Muslim, sondern sah sich einfach als ein Diener Gottes. Der Einfluss der beiden Traditionen ist deutlich zu spüren und doch scheint die Sikh-Tradition eine Art Reformbewegung zu sein, welche neue Schwerpunkte etablierte.

Wir erfuhren Einiges über die zwei wichtigen Prinzipien der Simeran, der Meditation und des Sevas, der ehrenamtlichen Arbeit. Die Aussage „Ek Onkar“ drückt das monotheistische Verständnis eines einzigen Gottes aus und die drei Säulen der Religionen bestehen aus Nama Japa - Gebet, kirat Karna - die Arbeit und ke chakna - das Teilen mit Bedürftigen.

Eine eindrückliche Geschichte, die mir in Erinnerung blieb, war jene von dem Heiligen Bhai Kanhya. Er hatte während eines Krieges Verwundete gepflegt, und zwar nicht nur Angehörige der eigenen Armee, sondern auch der gegnerischen Seite. Als er darauf angesprochen wurde, meinte er nur: „Gott lebt in jedem Menschen, im Freund und Feind, ich führe einfach meinen Seva, meinen Dienst aus!“

Der Turban

Der Schwerpunkt des vielfältigen Programms galt aber der Bedeutung des Turbans. Weshalb tragen alle Sihks, Männer sowie auch Frauen, einen Turban? Die langen Haare und der Turban sind die wesentlichen Erkennungsmerkmale eins Sikhs. Und der Sikh soll aus der Gesellschaft hervorstechen. Jeder sollte erkennen können: „Da ist ein Sikh, er kann Dir Schutz und Rat geben!“. Sikhs sind bekannt für ihre Hilfestellung und ihren Sinn für Gerechtigkeit.

In der Regel erhält ein Junge oder Mädchen seinen/ihren ersten Turban etwa im Alter von zwölf Jahren, und zwar vom Bruder der Mutter. Dies geschieht auf eine feierliche Art und Weise im Gurudwara, dem Gotteshaus der Sikhs. Allerdings tragen auch bereits kleine Kinder eine vereinfachte Version eines Turbans. Die Haare werden nicht geschnitten und der Turban hilft, die langen Haare sauber zu halten.

Nach diesen Erläuterungen über die Wichtigkeit des Turbans folgte eine praktische Demonstration des Turban-Bindens. Wir durften zwei Männern beim Binden eines Turbans für einen Knaben zuschauen. Das etwa zehn Meter lange, gelbe Tuch wurde zuerst mit einem Wasserspray befeuchtet, so dass es sich besser falten lässt. Die langen Haare des Jungen waren zu einem Zopf zusammengebunden und mit einem einfachen Tuch bedeckt, erst dann entstand mit dem eigentlichen Turbantuch durch geschickte Handgriffe in kurzer Zeit eine kunstvolle Kopfbedeckung.

Kultureller und kulinarischer Abschluss

Zum Abschluss des Abends präsentierten uns Kinder und Jugendliche der Sikh-Gemeinde ein paar traditionelle Kampfkunstformen. Im Anschluss wurden wir mit Samosas und leckerem Gajara-Halava, einer beliebten indischen Karotten-Süßspeise, verwöhnt. In angeregten Gesprächen teilten die Besucher noch lange ihre Eindrücke des spannenden Abends miteinander.

Für mich persönlich war es schön zu sehen, wie viele Gemeinsamkeiten es auch zwischen dieser – mir bis dahin noch recht unbekannten – Religion und der meinen gibt. Nicht nur was das indische Essen angeht, sondern auch in Bezug auf die spirituelle Praxis, schliesslich sind auch für uns Nama Japa, das Singen der Namen Gottes und Seva, selbstloser Dienst, essentielle Aspekte unserer Praxis. Dort, wo Gott erfahren wird, finden spirituelle Menschen Gemeinsamkeiten, eine Wahrheit, welche sich immer wieder bestätigt. Solche eine Gotteserfahrung finden wir auch in der Lobpreisung des heutigen Abends:

„Niemand kann Gott in seiner Undurchdringlichkeit hemmen; der Guru hat mich, den Einfältigen, mit süssem Wohlgeschmack gesegnet, den ich nicht beschreiben kann. Kabir spricht: „Alle meine Zweifel sind still, nun, da ich Gott gesehen habe.“

Krishna Premarupa Dasa, Delegierter des Schweizerischen Dachverbands für Hinduismus SDH