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Übergangsriten im Buddhismus

Erlebnisbericht zur Veranstaltung "Vom weltlichen Leben zum geistlichen Leben – der Eintritt ins Kloster" aus der Reihe "Übergangsriten" im Songtsen House, 3. Oktober 2019

Mirjam Läubli, die Geschäftsführerin des Zürcher Forums der Religionen, begrüsst die rund 50 Gäste im Songtsen House, das sich seit Juni 2019 in Oerlikon befindet, und übergibt dem Referenten Lama Kunsang das Wort. Lama Kunsang weist zuerst auf die verschiedenen Ausprägungen des Buddhismus hin und betont, dass sich seine Ausführungen auf den tibetischen Buddhismus beziehen.

Historische Entstehung der Klöster in Tibet
Der Buddhismus hat seinen Ursprung im heutigen Nordindien und in Nepal, wo der historische Buddha lebte und wirkte. Zur Lebenszeit Buddhas zogen die Mönche umher, aber zur Regenzeit liessen sie sich jeweils an geschützten Orten zur Meditation nieder. An diesen Orten entwickelten sich mit der Zeit Klöster. Kloster heisst auf Tibetisch Gompa. Indische Buddhisten gründeten im achten Jahrhundert in Tibet das erste Kloster. Die ersten tibetischen Mönche stammten aus dem Gefolge des tibetischen Königs.

Mit der Zeit haben sich in Tibet vier verschiedene Schulen entwickelt. Vor der Kulturrevolution und der Besetzung durch China gab es Klöster, in welchen jeweils 600 bis 1000 Mönche lebten. Die Nonnen-Klöster waren immer sehr viel kleiner.

Der Eintritt ins Kloster
Ins Kloster eintretende Novizen verpflichten sich zur Einhaltung der folgenden fünf Gelübde:

1)      Nicht töten (vegetarisch leben)
2)      Nicht lügen
3)      Nicht stehlen
4)      Sexuelle Abstinenz / Zölibat
5)      Abstinenz von Alkohol

Mit dem Eintritt ins Kloster und dem Einhalten dieser Gelübde beginnt das geistliche Leben. Voll ordinierte Mönche müssen 253 Gelübde befolgen und voll ordinierte Nonnen 346. Dazu gehört unter anderem, kein Instrument zu spielen, nicht zu tanzen und sich nicht zu schmücken, also keine schönen Kleider oder Schmuck zu tragen.

Lama Kunsang berichtet über den Eintritt ins Kloster anhand seiner eigenen Erlebnisse. In Tibet sollen Familien, die mehrere Kinder haben, eines ins Kloster schicken. Diese „Steuer“ sichert die Existenz der Klöster, die von Spenden leben. Dieser Brauch gilt bis heute, obwohl die Zahl der Mönche und Nonnen deutlich zurückgeht und ein materialistischer Lebensstil zunimmt. Kinder werden von ihren Eltern im Alter von etwa sechs Jahren in ein Kloster gebracht. Bei der Eintrittszeremonie werden dem Novizen und der Novizin die Haare geschnitten, und er oder sie spricht die dreifache Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha aus. Die Kinder leben im Kloster wie in einem Internat. Sie lernen lesen und schreiben und beschäftigen sich mit den heiligen Texten. Mit 20 Jahren können sie wählen, ob sie ihr Leben als Mönch oder Nonne verbringen wollen. Dann folgt zuerst die Halbordination. Lama Kunsang hat sich für das Leben als Mönch entschieden.

Andere Kloster-Systeme sind wie Schulen aufgebaut, und nach dem Abschluss muss man das Kloster verlassen. Wenn jemand merkt, dass er die Gelübde nicht halten kann, kann er die Gelübde einmal «zurückgeben», also aus dem geistlichen Leben aus- und wieder ins weltliche Leben eintreten.

Klosteralltag
Lama Kunsang berichtet über den Klosteralltag. Die Tage sind sehr streng organisiert. Einmal pro Woche, am Montag, ist Putztag. Freizeit gibt es nur an diesem Tag nach dem Putzen. An allen anderen Tagen findet der Unterricht statt. Nur am Geburtstag des Buddha gibt es ein paar freie Tage.

Die Klöster müssen sich selbst versorgen. Früher haben die Eltern alles, inklusive Essen, für die Kinder zur Verfügung gestellt. Heute haben die Klöster meistens Sponsoren. Eine Klostergemeinschaft ist wie eine Familie. Natürlich gibt es auch Streit im Kloster, das ist menschlich.

Nach dem Referat beantwortet Lama Kunsang viele Fragen. Anschliessend probieren die Gäste ein tibetisches Reisgericht sowie Buttertee und Süssigkeiten.

Das persönlich gefärbte Erzählen von Lama Kunsang verlieh seinem Referat Tiefe. Dank seiner Offenheit und Herzlichkeit und dem schönen Rahmen im Songtsen House war der Abend ein voller Erfolg.

Dinah Hess, Delegierte des Zentrums für Migrationskirchen der reformierten Kirche des Kantons Zürich.