Die Kette aller Lebewesen
Erlebnisbericht zur Veranstaltung «Die Kette aller Lebewesen. Liebe zu Tieren im Hinduismus» aus der Reihe «Mitgeschöpfe. Die Bedeutung von Tieren in fünf Religionstraditionen» im Murugan Hindu Tempel Adliswil.
2. Juni 2026, Christof Meier, Delegierter der Fachstelle Diversität, Integration, Antirassismus DIA
Der Raum ist relativ gross und hat die für frühere Produktionshallen typischen Dachfenster in Zackenform. Doch seit mehr als dreissig Jahren stehen hier keine Maschinen mehr, sondern kleinere und grössere Schreine, die an den Wänden entlang aufgereiht sind oder mitten im Raum stehen. Die unterschiedlich grossen Schreine sind je einer hinduistischen Gottheit gewidmet sind – mit Statuen, Öllämpchen und Opfergaben. In der Luft liegt ein vom Band kommendes, gesungenes Mantra. Sonst ist es ruhig: Hier ein betender Mann, dort zwei spielende Kinder, und rund um einen Schrein zieht eine Frau langsam ihre Runden, im Uhrzeigersinn.
Langsam füllt sich der Raum, und Mirjam Läubli heisst im Namen des Zürcher Forums der Religionen die mehr als zwei Dutzend Besucher*innen willkommen. Sie haben ihre Schuhe im Vorraum gelassen und werden anschliessend durch Suthakar Parameswaran begrüsst. Er ist vedischer Astrologe, Mitglied im Zürcher Forum der Religionen und erläutert bei der Tempelführung die spezifischen Rollen und Erscheinungsformen der einzelnen Götter. Sie stehen trotz gewisser Hierarchien nebeneinander und ermöglichen den Hindus eine relativ freie Gestaltung ihrer Religion, wobei die Ausübung der Rituale oft den Priestern vorbehalten bleibt.
Nach der Führung spricht Suthakar Parameswaran in einem Nebenraum über die fundamentale, zutiefst spirituelle Rolle der Tiere im Hinduismus. Sie werden ebenso wie der Mensch als Lebewesen einer grossen, göttlichen Einheit verstanden. Ein Hauptgrund dafür ist, dass die Konzepte von Wiedergeburt und Karma dazu führen, dass eine Seele (Atma) in einem Leben als Mensch und im nächsten als Tier wiedergeboren wird. Vegetarismus ist im Hinduismus deshalb ein effektiver Weg, um das Karma reinzuhalten. Auch haben viele der populären Gottheiten eine direkte Verbindung zur Tierwelt. Sie erscheinen selbst in Tiergestalt oder reiten auf einem bestimmten Tier, das die Eigenschaften des Gottes oder der Göttin widerspiegelt. Eine Sonderstellung nimmt die Kuh ein: Sie wird zwar nicht als Gott angebetet, steht aber symbolisch für die Erde und gilt deshalb als zutiefst heilig.
Mit dem offerierten Essen und der Einladung zum täglich praktizierten Ritual (Puja) konnten die Besucher*innen abschliessend die Gastfreundschaft der hinduistischen Gemeinschaft geniessen – wohl leider zum letzten Mal. Denn dem Trägerverein des Tempels wurde der Mietvertrag gekündigt, weshalb der Tempel schon bald seine Türen schliessen muss.
