Jain, Bahá’í, Brahma Kumaris. Glaubensgemeinschaften in Zürich
Erlebnisbericht zum zweiten interreligiösen Rundgang 2023
5. Oktober 2023, Claudia Geiser, Geschäftsstelle Zürcher Forum der Religionen
Rund 40 Personen nahmen am zweiten der beiden interreligiösen Rundgänge teil, die das Zürcher Forum der Religionen (ZFR) im September und Oktober 2023 anbot. Der Rundgang begann im Evangelischen Kirchgemeindehaus Oerlikon, wo sich erstmals bei einem ZFR-Anlass die beiden Glaubensgemeinschaften der Jain und der Bahá’í vorstellten.
Nachdem Mirjam Läubli, Geschäftsführerin des ZFR, die Anwesenden begrüsst hatte, übergab sie das Wort an Anis Rahmim und Melanie de Visser, Sekretär bzw. Mitglied des Lokalen Geistigen Rates der Bahá’í in Zürich. Die beiden stellten zuerst die Prinzipien des Bahá’í-Glaubens vor, wozu unter anderem die Einheit der Religionen, die Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Einheit in der Vielfalt der Menschheit (mit dem Ziel des Weltfriedens) gehört. Dann erläuterten sie die Möglichkeiten der Andacht in Gruppen oder individuell sowie das Angebot von Studienkreisen zu den geistigen Prinzipien des Alltags und gaben anschliessend eine Einführung in das Leben und Wirken von Bahá’u’lláh, dem Gründer ihrer Religionsgemeinschaft, der im 19. Jahrhundert gelebt hatte. Mit dessen Aussage «Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger» schlossen sie ihre Präsentation.
Als nächstes gab Jayesh Baid, Mitglied der Schweizer Jain-Gemeinschaft, in englischer Sprache einen Einblick in den Jainismus, wobei er schon zu Beginn präzisierte, dass dieser keine Religion sei, sondern ein Lebensweg, dem jeder Mensch folgen könne. Die Jains würden nicht an eine göttliche Macht glauben, sondern dem Naturgesetz bzw. dem Karma folgen, wobei jeder Mensch sein eigenes Schicksal bestimmen könne. Dann erzählte Baid von den 24 Tirthankaras [mythischen Lehrern oder Verkündern] der Jain; der letzte aus ihrer Reihe, Mahavira, gilt als historischer Gründer des Jainismus, dessen Anfänge vermutlich mehr als 3’000 Jahre zurückreichen. Baid leitete über zu bedeutenden Asketen, Heiligen und Gelehrten im Jainismus und zu wichtigen Festen und Tempeln der Jains. Während es in Indien wohl mehr als 13’000 Jain-Tempel gibt, haben die Jains in der Schweiz keinen eigenen Tempel. Seit einiger Zeit befindet sich jedoch ein Kultbild von Mahavira im Omkarananda-Hindu-Tempel in Winterthur.
Anschliessend spazierten die Teilnehmenden zusammen mit dem Team des ZFR zu den Räumlichkeiten von Brahma Kumaris, die sich ebenfalls in Zürich-Oerlikon befinden. Dort gaben Ursita Breuss, Anna Ziegler und Mathias Steffen Einblick in die Aktivitäten und die spirituelle Praxis ihrer Gemeinschaft. Die Anwesenden erfuhren, dass Brahma Kumaris 1937 in Indien von Prajapita Brahma Baba gegründet wurde und die grösste spirituelle Organisation der Welt ist, die von Frauen geleitet wird, wobei die Männer gleichberechtigt sind. Ausschnitte aus der ORF-Dokumentation «Brahma Kumaris: Frauen in Weiss – Eine Innensicht» (2018) vermittelten einen Eindruck vom Zentrum dieser neureligiösen Bewegung, das sich auf dem heiligen Mount Abu in den Bergen von Rajasthan in Indien befindet. Die «Frauen in Weiss», die von der über hundertjährigen Dadi Janki präsidiert werden, führen dort eine spirituelle Universität, in der sie Gäste aus aller Welt empfangen, und sie unterrichten kostenlos Meditation in Form des Raja Yoga, eine Art geistiges Yoga, das die Basis ihrer Arbeit bildet. Sie realisieren in Indien dank Spenden verschiedene Projekte und fördern Frauen und Kinder. Im Anschluss an den Vortrag und den Film konnten die Anwesenden freiwillig an einer kurzen Meditation teilnehmen und wurden dann zu einem ebenso köstlichen wie reichhaltigen vegetarischen Imbiss eingeladen. Die Möglichkeit zum abschliessenden Austausch mit den Gastgebenden, den andere Teilnehmenden sowie dem ZFR-Team wurde rege genutzt. Zahlreiche Anwesende schätzten insbesondere die Gelegenheit, an diesem ZFR-Rundgang – oft zum ersten Mal – mit den drei kleinen und weniger bekannten Religionsgemeinschaften in Kontakt kommen zu können.
