Hürden und Hindernisse hinterfragen
Erlebnisbericht zum Podiumsgespräch «Barrierefreiheit von Sakralräumen» in der serbisch-orthodoxen Kirche Maria Entschlafen
29. Januar 2025, Cemile Ivedi, Geschäftsstelle Zürcher Forum der Religionen
Die UNO-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die von der Schweiz 2014 ratifiziert wurde, hat zum Ziel, dass die universellen Menschenrechte auch für Menschen mit Behinderungen durchgesetzt werden. Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, Hindernisse abzubauen, Menschen mit Behinderungen vor Diskriminierung zu schützen und ihre Inklusion sowie Gleichstellung in der Gesellschaft zu fördern. Auch wenn die UN-BRK Glauben, Religion und Spiritualität nicht explizit erwähnt, haben diese Aspekte grossen Einfluss auf die gesellschaftliche Teilhabe. Mit diesen Erläuterungen leitete die Moderatorin Saphir Ben Dakon das Podiumsgespräch ein, das am 29. Januar 2025 in der serbisch-orthodoxen Kirche Maria Entschlafen stattfand. Am Podium nahmen Mandali Bhadra Dasa, Regula Eiberle, İpek Kurtuluş und Fiona Bollag teil, Mirjam Zumsteg übernahm die Gebärdensprachdolmetschung.
Das Podiumsgespräch zeigte, dass in vielen Religionsgemeinschaften Nachholbedarf in Bezug auf die Barrierefreiheit von Sakralräumen besteht. Fehlende barrierefreie Zugänge, mangelnde Übersetzungsangebote und unzureichendes Bewusstsein in den Gemeinschaften machen es Betroffenen schwierig, gleichberechtigt an der religiösen Praxis teilzunehmen. Die Frage, wer für notwendige Anpassungen finanziell und organisatorisch verantwortlich ist, bleibt oft ungeklärt.
Zu Beginn fragte Saphir Ben Dakon die Podiumsteilnehmenden, welche Rolle Religion in ihrem Leben spielt. Für die Muslimin İpek Kurtuluş ist die aktive Teilnahme in ihrer Gemeinschaft sehr wichtig. Sie habe Glück, dass viele Personen in ihrem Umfeld aktiv in der Moschee tätig seien. Der Zugang zur Moschee ist für sie vor allem für das wöchentliche Freitagsgebet wichtig. Sie wies darauf hin, dass für Rollstuhlfahrer*innen die grössten Hürden oft bauliche Gegebenheiten darstellen. Doch auch sie selbst stösst mit ihrer Sehbehinderung in der Moschee immer wieder auf Barrieren. Manchmal kann sie diese mit kleinen Tricks umgehen: «Wenn ich nicht weiss, wo sich der Gebetsraum der Frauen befindet, weil ich das Schild an der Tür nicht lesen kann, schaue ich einfach, wo die Frauenschuhe stehen.» Sie betonte, dass bereits kleine Massnahmen grosse positive Veränderungen für Menschen mit Behinderungen bewirken können.
In Fiona Bollags Leben spielt ihre Religion auch eine bedeutende Rolle. Jeden Samstag besucht sie die Synagoge, hat dort jedoch Schwierigkeiten, dem Vorbeter zu folgen, da sie eine Hörbehinderung hat. Während in Synagogen in anderen Ländern Vorkehrungen getroffen wurden, bittet sie in Zürich ihre Sitznachbarin in der Synagoge um Unterstützung. Da sie nach eigener Aussage die einzige gehörlose Jüdin in Zürich sei, erwarte sich nicht, dass in der Synagoge nur für sie Massahmen ergriffen werden.
İpek Kurtuluş hinterfragte diese Aussage: «Bist du wirklich die einzige gehörlose Jüdin in Zürich?» Sie führte aus, dass sich viele Menschen mit Behinderungen oft gar nicht trauten, ihre Bedürfnisse geltend zu machen, und dass sie dadurch nicht sichtbar sind. Wenn Menschen mit Behinderungen durch Barrieren ausgeschlossen werden, bleiben sie sozialen Räumen fern – es entsteht der Eindruck, dass sie gar nicht existieren.
Regula Eiberle, die mit Gehörlosigkeit lebt, war vor ihrer Pensionierung in der Behindertenseelsorge der katholischen Kirche tätig. Sie stellte fest, dass Menschen mit Behinderungen in vielen Gemeinschaften integriert sind, es jedoch nach wie vor zahlreiche Barrieren gibt. Für sie ist es beispielsweise unmöglich, spontan einen Gottesdienst in einer anderen Kirche zu besuchen, da eine*n Gebärdensprachdolmetscher*in drei bis vier Wochen im Voraus bestellt werden muss. «Laut Gesetz sind dafür entweder Kirche oder Behörden verantwortlich», erklärte sie, «doch in der Praxis funktioniert das oft nicht.» Eine eigene Kirche für Menschen mit Behinderungen gebe es nicht. «Menschen mit und ohne Behinderungen feiern den Gottesdienst gemeinsam», erzählte sie und führte an, dass Teilhabe ein zentrales Konzept sei. Neben Teilhabe ist für Regula Eiberle auch Teilgabe essenziell. Gemeint ist, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur die Möglichkeit haben, dabei zu sein, sondern dass sie sich auch aktive Rolle übernehmen können sollen, um so der Gemeinschaft auch etwas geben zu können. Nur durch Teilhabe und Teilgabe kann ein echtes «Teilsein» entstehen.
«In der Krishna-Tradition sind Sakralräume enorm wichtig», erzählte Mandali Bhadra Dasa, der seit vierzig Jahren der Krishna-Gemeinschaft angehört und seit zwanzig Jahren mit Multiple Sklerose lebt. «Im Tempel wird zusammen gesungen und getanzt, das gibt Kraft. Dabei steht die Seele im Zentrum, der Körper ist nur zweitrangig.» Er erzählte, dass für ihn Treppen die grössten Hürden seien: «Vier Stufen hochzusteigen, ist für mich wie das Matterhorn zu erklimmen.» Obwohl in der Gemeinschaft eine grosse Hilfsbereitschaft vorhanden ist, die zuweilen fast etwas anstrengend sei, so Mandali Bhadra Dasa, sei im Tempel das Bewusstsein für Barrierefreiheit zu wenig vorhanden. Ein grosses Problem sieht er in den finanziellen Möglichkeiten, insbesondere für nicht-anerkannte Religionsgemeinschaften. Obwohl der Tempel sehr wichtig ist, sieht Mandali Bhadra Dasa auch andere Möglichkeiten: «Beispielsweise kommen Leute aus dem Tempel für Zeremonien zu einem nachhause. Ausserdem werden viele Zeremonien live geschaltet und man kann online teilnehmen.»
Fiona Bollag erwiderte, dass dies für sie keine Lösung sei. An Sabbat ist eine Live-Übertragung unmöglich, da während dieser Zeit keine elektrischen Geräte benutzt werden dürfen. Ebenso würde, eine*n Dolmetscher*in zu beschäftigen, gegen das Arbeitsverbot während Sabbat verstossen. «Unter jüdischen Menschen ist aber die Hilfsbereitschaft sehr wichtig», fügte sie hinzu.
Auf Saphir Ben Dakons Frage, was Religionsgemeinschaften sonst noch tun können, um Barrieren abzubauen, antwortete İpek Kurtuluş, dass das Minimum gemacht werden muss: «Zum Lesen von Türschildern finde ich eine Lösung. Eine Person mit einem Rollstuhl hingegen kann keine Treppe hochsteigen.» Sie betonte auch, wie wichtig die Sensibilisierung innerhalb der Religionsgemeinschaft ist. Oft werden Vorträge mit der Gemeinschaft online geteilt, erklärte İpek Kurtuluş, Informationen zu Barrierefreiheit könnten zum Beispiel dort angebracht werden.
Schliesslich fragte Saphir Ben Dakon die Mitwirkenden, ob und wie der interreligiöse Dialog zur Förderung der Barrierefreiheit beitragen kann. Regula Eiberle antwortete: «Durch den Austausch können wir uns gegenseitig inspirieren und voneinander profitieren.» Für Mandali Bhadra Dasa ist klar: «Zusammen sind wir stärker.» İpek Kurtuluş pflichtete ihm bei. Sie findet es sehr wichtig, dass darüber gesprochen wird – auch innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft: «Wir müssen laut werden.»
