Voneinander lesen
Erlebnisbericht zur Veranstaltung im Rahmen der «Woche der Religionen» 2024 in der Predigerkirche
3. November 2024, Kathrin Rehmat-Suter, Delegierte der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich
Die Gesprächsrunde über Leseerfahrungen in je anderer Tradition mit Amira Hafner Al-Jabaji und Thomas Markus Meier bewegte die Frage, ob und wie Belletristik und Sach- oder Fachliteratur vergleichbar sind und was sie für den interreligiösen Dialog bewirken können. Michael Köhlmeiers «Der Mann, der Verlorenes wiederfindet», eine 160-seitige Novelle, brachte das Leben des Antonius von Padua in unsere multikonfessionelle Gruppe und mit ihm Themen wie Demut oder die Frage nach der Herkunft des Bösen. Dass Antonius auch die Texte von Ibn Sina und Ibn Rushd (heimlich?) gelesen hatte, ermutigt, die Themen aus mehreren Perspektiven zu beleuchten. Eine islamische, eine christliche und eine sozialistische Sichtweise prägen auch das Buch «Spielball von Kirche und Thron», wobei der Thron den Sultan meint.
Wera Mutaftschiewa erzählt darin aus der Geschichte der osmanischen Thronnachfolge und die Verwicklungen in europäischen Macht- und Bündnisgeschichte, und zwar aus der Perspektive einer Historikerin, einer Geschichtsprofessorin aus dem Ostblock der Siebzigerjahre. Am Ende wurde uns bewusst, dass die Hälfte der möglichen Perspektiven oft schon von vornherein wegfällt, und dass also die Frage weniger die nach der richtigen Religion ist, als die nach der Deutungshoheit innerhalb der jeweiligen Tradition.
Eine Teilnehmerin äusserte zum Schluss, dass sie nicht erwartet hatte, an diesem Anlass zu so tiefgründigen Diskussionen zu kommen. So gingen wir erleichtert, trotz ungelöster Fragen, dankbar für ein Gespräch, in dem Raum für Unterschiede blieb, weiter des Wegs und hoffen, das interreligiöse Gespräche über Literatur, ganz ohne «verzweckt» zu werden, weiter spriessen und uns zu neuen Einsichten führen.
