«Fussball vereint – Religion auch.»
Erlebnisbericht zum Podiumsgespräch «Fussball und Religion» in der Wasserkirche
4. September 2025, Cemile Ivedi, Geschäftsstelle Zürcher Forum der Religionen
Wir befanden uns an diesem Abend in der Arche, inmitten der Wasserkirche – einer Installation der Kuratorin Klara Piza und ihres Teams. Die Arche ist ein besonderer Ort, ein Symbol für Zuflucht und Gemeinschaft. Und genau um Gemeinschaft ging es auch in diesem Podiumsgespräch.
Das Podiumsgespräch wurde von Felix Reich moderiert, Redaktionsleiter des Magazins «reformiert.» und Spieler des FC Religionen. Auf dem Podium waren Kristen Truempy, Christoph Sigrist, Tharmini Muralitharan und Mahtab Meierhofer zu Gast. Die Gäst*innen wurden mit eigenen Statements vorgestellt.
Kristen Truempy, Spielerin der Fortschrittlichen Fussball Liga bei den Zurich United Grrrls und Sekundarlehrperson RKE, brachte ihre Leidenschaft auf den Punkt: «Fussball ist meine erste und längste Liebe.» «Fussball ist meine erste und längste Liebe.»
Christoph Sigrist ist Pfarrer, Spieler des FC Religionen und Präsident des ZFR. Er schilderte seine Verbindung zum Thema und erklärte: «Durch Fussball bin ich zum interreligiösen Dialog gekommen.»
Die Perspektive der Schiedsrichterin brachte Tharmini Muralitharan ein, die in der 2. Liga interregional pfeift und sich zur Sekundarlehrperson ausbilden lässt. Sie berichtete offen: «Vor einem Spiel, das live gestreamt wurde, habe ich gebetet.»
Mahtab Meierhofer, ehemalige Spielerin der Nationalliga A und B und heute Sozialarbeiterin, teilte ihr Erfahrung: «Fussball war und ist für mich der Ort, wo Religionszugehörigkeit und Herkunft überhaupt keine Rolle spielen.»
Gleich zu Beginn fragte Felix Reich die Podiumsteilnehmenden, was Religion für sie bedeutet. Damit eröffnete er ein Gespräch voller persönlicher Einblicke und überraschender Verbindungen zwischen Religion und Fussball.
Christoph Sigrist erzählte, dass er seinen Glauben durch Krisen gefunden habe. Schon als Kind habe er davon geträumt, Pfarrer zu werden. Tharmini Muralitharan hingegen beschrieb ein eher distanziertes Verhältnis zur Religion: In ihrer Familie sei sie die am wenigsten Religiöse, doch in schwierigen Momenten erlebe sie Religion als Kraftquelle und Orientierung. Mahtab Meierhofer wurde konfessionslos erzogen, kam aber immer wieder mit Religion in Berührung. In ihrem Alltag spiele sie keine Rolle. Kristen Truempy wiederum bezeichnet sich als nicht religiös. Sie habe schwierige Lebenssituationen vor allem dank des Fussballs bewältigt; grosse Erlebnisse wie die Begegnung mit der Ajax-Mannschaft im Hardturm-Stadion seien bis heute prägend.
Im Rückblick auf besondere Fussballmomente berichtete Christoph Sigrist von seinem ersten Besuch im Letzigrund mit sechs oder sieben Jahren und von zwei persönlichen «Traumata»: dem geplatzten Traum, FCZ-Profi zu werden, und einem verschossenen Ball an einem Meisterschaftsspiel der Studierendenmannschaft, die Christoph Sigrist während seinem Studium gegründet hatte. Mahtab Meierhofer schilderte als sportliches Highlight ein Spiel im Stade de Suisse, das ihr Team zwar wegen einer roten Karte verlor. Tharmini Muralitharan, die als Schiedsrichterin tätig ist – auch bei Männerspielen –, erklärte, Frauenfussball sei sensibler und ruhiger, während bei Männern deutlich mehr verbale Auseinandersetzungen zu hören seien. Kristen Truempy wiederum erzählte, dass sie lieber gleich neben der Fankurve sitzt, um das Spiel in Ruhe geniessen zu können, da die Fankurve kein Ort der Achtsamkeit sei. Sie höre oft Sprüche wie «Ihr spielt wie Frauen!». Die EM 2025 habe jedoch gezeigt, wie friedlich Fussball sein könne.
Als Pionierin des Frauenfussballs sprach Mahtab Meierhofer mit spürbarem Stolz über die EM: Endlich rücke der Sport in ein neues Licht. Tharmini Muralitharan bemerkte, dass dies im Alltag bereits spürbar sei – mehr Stadionspiele, mehr junge Frauen auf den Rängen. Christoph Sigrist wiederum lobte die Qualität der Spiele und ist überzeugt, dass die nächste Generation nur noch von Fussball sprechen werde – nicht mehr von Frauen- und Männerfussball.
Ein Schmunzeln ging durchs Publikum, als Christoph Sigrist bemerkte, dass er als FCZ-Fan zwischen drei GC-Fans sass.
Kristen Truempy erzählte, dass sie in der fortschrittlichen Liga spielt, die von vielen «alternativen Liga» genannt wird. In dieser Liga wird nur mit Linienrichter*innen gespielt, ohne Schiedsrichter*innen. Tharmini Muralitharan ergänzte, dass Frauenspiele für sie oft einfacher zu leiten seien, da Entscheidungen besser akzeptiert würden. Trotzdem leite sie beides gerne: «Hauptsache Fussball!»
Eine besonders interessante Passage des Abends war die Erzählung von Christoph Sigrist, wie er über den Fussball zum interreligiösen Dialog fand. 2008 gründete er den FC Religionen. In der Garderobe zwischen Training und Dusche entstanden plötzlich Gespräche über Glauben – vertraut, natürlich, alltäglich.
Kristen Truempy beschrieb das Stadion als Ort, der etwas Spirituelles haben könne. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Religion und Fussball mit ritualisierten Abläufen. In individualisierter Gesellschaft kann man bei beidem Gemeinschaft erleben. In Istanbul habe sie ein Spiel erlebt, das wie «David gegen Goliath» war – als das kleinere Team gewann, sei die Stimmung geradezu überwältigend gewesen: ein spiritueller Moment, den sie nie vergessen werde.
Tharmini Muralitharan sprach darüber, dass sie vor Spielen manchmal bete, um mit gutem Gewissen zu leiten. Fehlentscheide begegnet sie mit Ehrlichkeit und empfindet Dankbarkeit nach Spielen mit wenigen Fehlern. Mahtab Meierhofer zeigte grossen Respekt für Schiedsrichter*innen, besonders bei Jugendspielen, wo Eltern oft lautstark eingreifen.
Christoph Sigrist schloss mit der Beobachtung, dass manche Menschen Fussball tatsächlich als Religion erleben. Er beobachtete, dass Jugendliche in seinem Unterricht offener über Religion sprechen, seit südamerikanische Fussballspieler selbstbewusst öffentlich über ihren Glauben reden. Er findet, dass die Reputation der Religion durch den Fussball verbessert wird. Für Kristen Truempy wiederum ist Fussball ein wichtiger Lebensinhalt, und sie lachte: «Wer diese Höhen und Tiefen nicht erlebt, verpasst etwas im Leben!»
Am Ende blieb die gemeinsame Erkenntnis: Fussball muss man fühlen, um ihn zu verstehen – und er verbindet Menschen in ihrer Vielfalt ähnlich kraftvoll wie Religion.
