Zyklisches Werden und Vergehen
Erlebnisbericht zur Veranstaltung «Schöpfungsgeschichte im Hinduismus» aus der Reihe «Vom Anfang der Welt. Schöpfungsgeschichten in den Religionstraditionen» im Krishna Tempel Zürich
5. Juni 2024, Claudia Geiser, Mitarbeiterin Geschäftsstelle ZFR
Rund 50 Personen finden sich am 5. Juni 2024 im Krishna-Tempel in Zürich ein, um Einblick in die reichhaltige Schöpfungsthematik in der hinduistischen Tradition zu erhalten. Nachdem sich Geschäftsführerin Mirjam Läubli im Namen des Zürcher Forums der Religionen (ZFR) für die Gastfreundschaft der Krishna-Gemeinschaft bedankt hat, führen die beiden Referenten in kurzweiligen Abschnitten und mit einer reich bebilderten Präsentation durch den Abend.
Den Anfang macht Keshava Madhava mit einer Einführung in den primären Teil der vedischen Schöpfungsgeschichte, mit der er sich auch als Buchautor detailliert auseinandergesetzt hat. Er erklärt, dass sowohl die spirituelle Welt als auch die zahlreichen Gottheiten der hinduistischen Tradition von Gott – hier in seiner Form als Krishna – ausgehen. In seiner Form als Maha («grosser») Vishnu erschafft Krishna mit seinem spirituellen Körper mühelos die vielen unvorstellbar grossen Universen, die zyklisch, im Rhythmus seines Atems, aus ihm hervor- und in ihn zurückgehen.
Es folgt eine eindrückliche, alle Sinne ansprechende Tempelzeremonie. Der Vorhang vor dem Altar wird zurückgezogen, und fünf verschiedene Formen von Krishna werden sichtbar, die nun von einem Priester unter anderem mit Räucherstäbchen, einer Feuerlampe und einem Fächer aus Pfauenfedern verehrt werden, begleitet durch Musik und Mantra-Gesänge. Mitglieder der Gemeinschaft tragen anschliessend Lampe, Wasser und Blumen durch das Publikum, um die Anwesenden am Segen teilhaben zu lassen.
Nun führt Krishna Premarupa Dasa, der Leiter der Zürcher Krishna-Gemeinschaft, in den sekundären Teil der Schöpfungsgeschichte ein. Nachdem Maha Vishnu die Universen erschaffen hat, lässt er in jedem einen Ozean entstehen. Darauf liegt eine Schlange, auf der wiederum Vishnu liegt. Während seine weibliche Gefährtin Lakshmi (die auch seinen weiblichen Aspekt repräsentiert) ihm die Füsse massiert, lässt Vishnu aus seinem Bauchnabel einen Lotos wachsen, auf dessen Blüte der vierköpfige Gott Brahma sitzt. Dieser wird nun von Vishnu ermächtigt, alles zu erschaffen: die Welt, die Planeten, Pflanzen, Tiere und Menschen, all die Lebensformen und Körper, die wir kennen und sehen – aber nicht deren Seele, denn die Seele existiert ewig und Gott belebt durch sie nur immer wieder andere, zeitweilige Formen. Wie bereits erwähnt handelt es sich dabei um einen zyklischen Prozess: In unvorstellbar grossen Zeiträumen entsteht die Schöpfung (durch Brahma), wird erhalten (durch Vishnu), vergeht wieder bzw. wird zerstört (durch Shiva) und entsteht dann wieder von Neuem.
Die Welt, in der wir leben, ist aus hinduistischer Sicht jedoch nur eine Spiegelung der wahren Welt Gottes und wurde für die Menschen geschaffen, die sich von ihm abgewandt haben und deshalb immer wiedergeboren werden müssen. Wer sich Gott wieder zuwendet, kann aus der materiellen Welt entkommen und in die spirituelle Welt, in die Arme Gottes, gelangen. Dieser höchste Gott, so erklärt Krishna Premarupa, ist aus Sicht der Krishna-Gemeinschaft der Gott Krishna; für andere Hindu-Gemeinschaften könnte es z.B. auch Shiva sein.
Zum Abschluss des Abends werden die Teilnehmenden in den Garten gebeten, wo sie von Keshava Madhava anhand eines Plakates zusätzliche Informationen zum Kosmos erhalten und sich bei köstlichem Essen und feinen Getränken untereinander und mit den Gastgebenden austauschen können. Das Angebot wird rege genutzt und die Begeisterung über den Abend ist gross.
Das Referat wurde durch den Krishna Tempel aufgezeichnet und ist hier abrufbar.
