Ursprung der Welt zwischen Mythos und Wahnsinn
Erlebnisbericht zur Veranstaltung «Schöpfungsgeschichte im Buddhismus» aus der Reihe «Vom Anfang der Welt. Schöpfungsgeschichten in den Religionstraditionen» im tibetisch-asiatischen Kulturzentrum Songtsen House
28. Mai 2024, Kathrin Rehmat-Suter, Delegierte der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich
Gemäss buddhistischer Vorstellung gibt es keine Schöpfung im eigentlichen Sinne; der Buddhismus stellt uns vielmehr Konzepte und Modelle zur Verfügung, um die Entstehung, das Werden und Vergehen unseres Universums und aller weiterer Universen zu begreifen. Gestützt auf den tibetischen Buddhismus und insbesondere aufs Kalachakra-Tantra [1] gibt uns Thomas Lempert im Songtsen House Einblick in vielfältige Mythologien und Kosmologien, deren Inhalte nicht nur Fragen nach Sinn und Herkunft unserer Existenz beantworten, sondern auch anschlussfähig sind an naturwissenschaftliche und psychologische Perspektiven.
Nach der Begrüssung durch Mirjam Läubli von der Geschäftsstelle des ZFR und Daniel Aufschläger, Vorstand des tibetisch-asiatischen Kulturzentrums, nimmt uns der Referent Thomas Lempert mit auf eine Reise. Aus 84‘000 zur Verfügung stehenden Schriften in denen alles, was vorstellbar ist, vorkommt, hat er uns ein paar thematische Juwelen ausgesucht.
Als erstes zeigt er uns aber einen roten Faden, und das ist das Thangka an der Wand und schön aufgehellt in der Präsentation. Er lädt uns ein, eine nicht abrahamische Perspektive zu versuchen. Die Götterwelt steht in ihrem Zentrum. Schöpfungsmythen schaffen Identität. Ja, aber auch – wegen dem Wahnsinn (vgl. Veranstaltungstitel) – ist das eine Gratwanderung. Vier Dinge, über die nicht spekuliert werden soll, fallen darunter: erstens die Frage nach der Reichweite Buddhas, zweitens die Jhana [2] Reichweite (Telepathie u.ä.), drittens ein haargenaues Berechnen wollen von Karma und viertens die Spekulation über den Ursprung der Welt (Anguttara Nikaya 4,77). Trotz Gratwanderung also ein Versuch von innen … Karma ist das grundlegende Gesetz von Ursache und Wirkung. Ein Gesetz muss logisch hergeleitet werden können und ein Schöpfergott wird abgelehnt (Majjhima Nikaya [3] 101,22). Konkretes Leben fordert heraus, das ist kreativ. Zuerst ist dabei der mittlere Weg hilfreich und dann die Vier Edlen Wahrheiten [4], so kann Leiden überwunden werden. (Rohitassa Sutta 4,45) Referenzen der eigenen Kultur, Ethik und Grundausrichtung werden relevant. Ein wichtiges und langes Sutra zur Anfangsfrage heisst Agganna Sutta aus Digha Nikaya. Dort wird gefolgert, dass jeder Brahman aus einer Frau geboren wird und es kommt dort zum Benennen der Unterschiede, die Menschen zu Anhaftungen führen. Essen, Aussehen … allerlei, das Unwissenheit und Gier erklärt.
Ein kosmologischer Exkurs öffnet unsere Sicht: Der Abhidarmakosha aus dem 4./5. Jahrhundert führt uns zum MERU, dem schönen Berg und SUDHARSANA, der schönen Stadt und auch gewissermassen ins Kalachakra Mandala Thangka und die Vorstellungskraft hinein. Oben auf dem Berg Meru steht seit dem 10. Jahrhundert der Palast Kalachakra. In ihm folgen wir dem Ziel des Erwachens durch tantrische Visualisierung.
Zur Freude der Physiker werden wir in Abhidharma Vorstellungen geführt: Einzelwelten, komplexe Cluster für Universen, die Haufen und Superhaufen bilden und um die zu verstehen, ein Mensch fähig sein sollte, organische von anorganischer Materie zu unterscheiden. Alles ist hier auf einer Ebene. Das ist der grosse Unterschied zum Kalachakra. Es geht durch komplexe Logiken in zehn Richtungen zu und auf für Universen und Parallelwelten, für andere Welten. Unwissenheit, auch Dumpfheit sind wirklich schade. Es ist erkenntnisreich z.B. für 1 Yojana 7,2km zu sehen und 100 menschliche Jahre von täglichen 21‘600 auf 777‘777‘000 Atemzüge zu bringen und diese verschrifteten Masse nachzuvollziehen. Dimensionen von Insekten, Yogis und Möchtegerngöttern werden verglichen in ihrer Dauer und etwas einfacher geht das Ganze mit einer «einfachen» Stupa und ihren Schichten.
Ist der Berg Kailash auch eine Stupa? Jedenfalls hilft es zu vereinfachen, zu fokussieren, mit komplexen Tantras und dem Meditieren nicht im Samsara, also im Kreislauf von Geborenwerden, Sterben und Wiedergeborenwerden, zu bleiben. Kalachakra-Praxis also heisst: Visualisieren, aktive Mandalagestaltung, aktive Auseinandersetzung mit Aspekten von Gottheiten und Selbstermächtigung … das heisst, so tun, als ob ich schon erwacht wäre … und hinein gehen: denn – ein Meister, eine Meisterin – ermächtigte mich dazu. Visualisierung quasi als Selbstschöpfung. Der Palast in der Mitte kann nun quasi vom zweidimensionalen Bild in eine dritte Dimension «hochgeklappt» werden und je nach Vorstellung begangen. Das Beispiel, dass eher gross gedacht, vielleicht kippen könnte, wird zum Beispiel für die Anhaftung im dualen Denken.
Die vollendete Vereinigung männlicher und weiblicher Aspekte dreidimensional und aktiv sind für den Eintritt in den Kalachakra-Palast. Von den 636 Gottheiten innen werden uns drei weibliche präsentiert: Gefühle, Wahrnehmungsebenen, Organe, Willensebenen, innere Kräfte, zeitliche Elemente und Körperteile finden sich in ihnen: Rupavajra & Kishtigarbha, sehen das Reine in der Vereinigung (Nordosten), Vaishnavi und Brahma kuriert als eine Art Dämonin die Krankheiten (Südosten), Krishnadipta repräsentiert die Reinheit des Windkanals im Herzzentrum (auf der linken Seite im Osten) als feuerbegleitender Wind und Geistmandala. Den Palast und Menschen visualisieren, das schafft Referenz für eigene Kultur. Zur Frage nach Wissenschaft und Religion zusammen … schön ist das, aber wichtiger ist, dass es im Herzen stimmt. Es gibt noch Übersetzungsprobleme. So fragt am Ende ein Mensch nach dem achtsamen in Hier und Jetzt sein, nach dem erwiesenen point of no return unseres Wandels auf der Erde. Mit engagiertem Buddhismus in der Tradition Thich Nhat Hanhs kann aktivistisch für die Schöpfung (in eher abrahamischen Bildern) etwas getan werden. In Klöstern ist das Bäume pflanzen «in». Mit einem Bild von Max Ernst wird die Geburt der Galaxie – die vielen Universen auch hier, aber nochmal sichtbar. Vielleicht gibt es trotzdem keinen Grund zur Sorge.
Das Referat wurde durch das Songtsen House aufgezeichnet und ist hier abrufbar.
[1] Tantra meint hier einen grundlegenden Text, der auf eine buddhistische Praxis ausgerichtet ist.
[2] Jhana meint hier Meditationspraxis
[3] Nikaya bedeutet «Buch» und bezeichnet die Fundstelle eines Textes im so genannten Pali-Kanon, der ältesten Sammlung von Lehrreden des Buddha Siddharta Gautama.
[4] 1.) Leiden (Unzufriedenheit), 2.) Ursache des Leidens, 3.) Leiden kann überwunden werden, 4.) Konkrete Schritte zur Überwindung, das heisst der Achtfache Pfad, als Teil davon die Meditationspraxis Jhana.
