Workshop Stille
Stille
Erlebnisbericht zum Workshop «Stille in verschiedenen Religionstraditionen» im Rahmen des Festivals «Stilles Zürich» im Debattierhaus Karl*a der*die Grosse
3. März 2024, Cemile Ivedi, Geschäftsstelle Zürcher Forum der Religionen
Im März 2024 fand im Rahmen des Festivals «Stilles Zürich» im Debattierhaus Karl*a der*die Grosse der Workshop «Stille. Stille in verschiedenen Religionstraditionen» statt. Rund 30 Teilnehmende erhielten in fünf Gruppen Inputs zum Thema Stille von religiösen Betreuungspersonen aus buddhistischer, christlich-quäkerischer, hinduistischer, jüdischer und muslimischer Religionstradition. Dabei wurde aufgezeigt, welche Rolle Stille in den jeweiligen Religionen spielt und welche Bedeutung ihr in religiöser Praxis, Spiritualität und theologischen Konzepten zukommt.
Der buddhistische Lehrer Thomas Lempert erklärte zu Beginn, dass Stille als Gegenpol zum ständigen Lernen, Leisten und Vergleichen verstanden werden könne. Sie eröffne Momente der Entspannung und inneren Sammlung im Alltag. Im Buddhismus ist Stille eng mit innerem Frieden verbunden – jenseits von Bewertungen. Sie kann an verschiedenen Orten erfahren werden: im Geist, im Körper oder im bewussten Atem. Stille sei nichts Äusseres, sondern bereits in uns vorhanden. Meditation helfe, zu dieser Stille zu finden, das Ego zu zügeln und daraus aktives Mitgefühl entstehen zu lassen.
Amos Hintermann führte aus, dass Stille im jüdischen Kontext selten sei. Lernen, Diskutieren und Sprechen prägen die religiöse Praxis. Auch der Gottesdienst ist von gesprochenen und geflüsterten Gebeten geprägt, sodass ein vielstimmiges Murmeln entsteht. Eine besondere Bedeutung hat Stille jedoch bei der Totenwäsche, bei der bewusst so wenig wie möglich gesprochen wird. Zudem wurden im chassidischen Judentum des 17. Jahrhunderts stille Gebete als Vorbereitung auf das laute Gebet eingeführt.
Sumaya Wegenstein eröffnete ihren Input mit der Frage: «Was ist Stille?» – und antwortete zugleich: «Sie ist kein Stillstand und nicht einfach die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist ein Raum.» Im Arabischen wird Stille unter anderem mit hudūʾ beschrieben, dem Zur-Ruhe-Kommen in der Natur oder im Inneren des Menschen. Rāḥa steht für Erholung und Entlastung. Beide Begriffe sind Voraussetzungen für sakīna, die Gottesruhe – ein Zustand von Frieden, Vertrauen und innerer Sicherheit. Im Koran erscheint sakīna auch im Zusammenhang mit der Ehe, als gemeinsames Zur-Ruhe-Kommen. Durch Dhikr, das Erinnern an Gott, werden die Herzen ruhig; im Sufismus geschieht dies auch durch Gesang und Tanz. Wer regelmässig in Stille eintauche, etwa durch Gebet oder Koranlesen, trage diese Stille in den Alltag hinein.
In der hinduistischen Tradition richtet sich Spiritualität stark nach innen, erklärte Damodar Prasad, Präsident des Krishna Tempels Zürich. Ziel ist es, den Geist zu schulen und zur Ruhe zu bringen. Yoga spielt dabei eine zentrale Rolle und umfasst verschiedene Wege und Praktiken. Körperübungen schaffen die Voraussetzung für Meditation, während der Geist gesammelt und kontrolliert wird. Stille bedeutet jedoch nicht immer äussere Ruhe. In der Bhakti-Tradition ist Spiritualität oft klangvoll und lebendig. Gesang, Musik und Tanz führen – paradox anmutend – zur inneren Stille. Eine zentrale Praxis ist die Mantra-Meditation, sei es gesungen oder still mit der Gebetskette. Durch den Klang öffnet sich die Stille.
Zum Quäkertum führten Brigitte Seger und Jane Huber-Davies ein. Die «Freunde», wie sich Quäker*innen selbst nennen, verzichten auf Dogmen, sakrale Räume und einen kirchlichen Apparat. Zentral sind das Gebot der Nächstenliebe und das Prinzip der Einfachheit. Der Kern ihrer Praxis ist die stille Andacht: ein gemeinsames Sitzen im Kreis, bei dem äussere Geräusche wahrgenommen, Gedanken losgelassen und innere Sammlung gesucht wird. Diese Praxis ist keine Meditation im klassischen Sinn und findet immer gemeinschaftlich statt.
Zum Abschluss bildeten alle Teilnehmenden einen Kreis und erlebten Stille in verschiedenen Formen – wie sie im Buddhismus, im Islam und im Quäkertum praktiziert wird.








